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Im Blick - FinanzExperten der VR VerbundBank eG informieren

Zinsen, KI, Börse - was jetzt zählt 

In der heutigen Ausgabe von „Im Blick“ beschäftigt sich unser Leiter Private Banking, Oliver Wieber, mit dem Zinsentscheid der EZB und die daraus möglichen Chancen und Risiken am Kapitalmarkt. 

Die Kapitalmärkte stehen derzeit in einem Spannungsfeld: Einerseits zeigen sich die Aktienmärkte trotz hoher Bewertungen und geopolitischer Risiken erstaunlich robust, andererseits sorgen steigende Energiepreise, höhere Anleiherenditen und die wieder zunehmende Inflation für Gegenwind. Nach der jüngsten Rekordjagd beim DAX ist damit eine Phase eingekehrt, in der Anleger stärker zwischen Chancen und Risiken abwägen müssen.

EZB erhöht Zinsen – der Blick richtet sich nach vorn

Die Europäische Zentralbank hat ihren Einlagensatz wie erwartet um 0,25 Prozentpunkte auf 2,50 % angehoben. Hintergrund sind vor allem die wieder gestiegenen Inflationsrisiken. Der Ölpreis liegt inzwischen wieder über 100 US-Dollar je Barrel, was den Preisdruck im Euroraum verstärkt. Die Inflationsrate im Euroraum lag zuletzt bei rund 3,3 % und damit deutlich über dem mittelfristigen EZB-Ziel von 2 %.

Für die Kapitalmärkte ist allerdings weniger der heutige Zinsschritt entscheidend als die Frage, wie es danach weitergeht. Die EZB steht vor einem schwierigen Balanceakt: Sie muss die Inflation im Griff behalten, darf gleichzeitig aber die wirtschaftliche Entwicklung nicht unnötig belasten.

Aktienmärkte: Gute Perspektiven, aber höhere Schwankungen

Die Aktienmärkte haben in diesem Jahr bereits viel Positives vorweggenommen. Gerade bei großen US-Technologieunternehmen sind die Erwartungen an Gewinnwachstum und die wirtschaftlichen Effekte der künstlichen Intelligenz hoch.

Gleichzeitig haben sich die Rahmenbedingungen verändert. Steigende Anleiherenditen machen festverzinsliche Anlagen wieder attraktiver und erhöhen den Bewertungsdruck auf Aktien. Hinzu kommen geopolitische Risiken und die Frage, wie stark Unternehmen steigende Energie- und Finanzierungskosten verkraften können.

Das bedeutet nicht, dass Aktien unattraktiv geworden sind. Vielmehr dürfte die Auswahl entscheidender werden. Unternehmen mit soliden Bilanzen, stabilen Geschäftsmodellen, Preissetzungsmacht und nachhaltigem Gewinnwachstum sind in einem solchen Umfeld im Vorteil.

Unternehmensanleihen: Ein wichtiger Baustein in der aktuellen Marktphase

Besonders interessant sind derzeit Unternehmensanleihen. Die gestiegenen Marktzinsen bieten Anlegern wieder attraktive laufende Erträge, während qualitativ gute Unternehmen gleichzeitig über solide Bilanzen verfügen.

Gerade im Investment-Grade-Bereich können Unternehmensanleihen deshalb eine wichtige Rolle in einer ausgewogenen Vermögensstruktur übernehmen. Sie verbinden regelmäßige Zinserträge mit einer meist geringeren Schwankungsbreite als Aktien.

Dabei kommt es allerdings stark auf die Qualität an. Bei schwächeren Bonitäten steigen die Ausfallrisiken deutlich, wenn Finanzierungskosten und Konjunkturrisiken zunehmen. Die aktuelle Situation spricht daher eher für eine gezielte Auswahl bonitätsstarker Emittenten als für eine pauschale Ausweitung des Kreditrisikos. Die Märkte zeigen bereits eine deutliche Spreizung zwischen soliden Investment-Grade-Unternehmen und schwächeren Schuldnern.

Für eine Vermögensstruktur kann dies bedeuten: Aktien für langfristiges Wachstum, Unternehmensanleihen für laufende Erträge und Stabilität sowie Liquidität für Flexibilität.

KI: Vom Megatrend zum echten Anlagethema

Künstliche Intelligenz bleibt gleichzeitig einer der wichtigsten langfristigen Wachstumstreiber an den Kapitalmärkten. Die Investitionen in Rechenzentren, Halbleiter, Cloud-Infrastruktur und Software steigen massiv.

Damit entstehen attraktive Chancen – allerdings auch neue Risiken. Die hohen Erwartungen an das Gewinnwachstum vieler KI-Unternehmen sind bereits in den Aktienkursen enthalten. Entscheidend wird deshalb zunehmend die Frage, welche Unternehmen tatsächlich dauerhaft von der KI profitieren und ihre hohen Investitionen in zusätzliche Gewinne umwandeln können.

Interessant sind daher nicht nur die bekannten großen Technologiekonzerne. Auch Unternehmen aus den Bereichen Halbleiter, Stromversorgung, Netztechnik, Rechenzentren und industrielle Automatisierung können langfristig von der KI-Infrastruktur profitieren.

KI sollte deshalb nicht als kurzfristiger Börsentrend betrachtet werden, sondern als struktureller Wandel der Wirtschaft – allerdings mit einer bewussten Begrenzung des Risikos.

KI verändert auch die Geldanlage selbst

Künstliche Intelligenz ist nicht nur ein Investmentthema, sondern verändert zunehmend auch die Art und Weise, wie Anlageentscheidungen getroffen werden.

Moderne KI-gestützte Vermögensverwaltung kann eine sehr große Anzahl von Markt- und Wirtschaftsdaten laufend analysieren und daraus unterschiedliche Portfolioallokationen ableiten. Dabei können beispielsweise Risikoneigung, Aktienquote, Regionen, alternative Anlagen, Rohstoffe oder bestimmte Anlagethemen berücksichtigt werden.

Ein aktuelles Konzept aus dem genossenschaftlichen Bankenumfeld verbindet dabei menschliche Beratung mit einem KI-basierten Investmentprozess. Der Anleger definiert gemeinsam mit dem Berater die grundsätzliche Ausrichtung seines Portfolios; anschließend unterstützt ein algorithmischer Investmentprozess bei der konkreten Zusammenstellung und laufenden Anpassung.

Der wesentliche Vorteil liegt dabei nicht darin, dass KI die Zukunft „vorhersagen“ kann. Vielmehr kann sie große Datenmengen systematisch verarbeiten, Veränderungen schneller erkennen und Portfolios konsequent nach vorher festgelegten Kriterien steuern.

Gerade in einem Kapitalmarktumfeld mit hoher Dynamik kann dies eine sinnvolle Ergänzung zur klassischen Anlageberatung sein. Die Verantwortung für die strategische Vermögensstruktur bleibt jedoch beim Anleger und seinem Berater.

Fazit: Qualität und Diversifikation gewinnen an Bedeutung

Die aktuelle Marktphase spricht weniger für große Wetten auf eine einzelne Anlageklasse als für eine breit diversifizierte Vermögensstruktur.

Nach den starken Kursanstiegen der vergangenen Jahre sind Aktien weiterhin ein wichtiger Wachstumsmotor. Gleichzeitig bieten Anleihen attraktive Erträge. Insbesondere bonitätsstarke Unternehmensanleihen können deshalb eine sinnvolle Ergänzung darstellen.

Link: WertAnlage


Oliver Wieber, Bereichleiter Private Banking

Oliver Wieber

Leitung Private Banking

Stand: September 2026

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